Innovation

Was bringt die Zukunft, Frida?

Frida Futura im Interview

Nina Martin
Oktober 27, 2020
4min Lesezeit

Frida Futura ist Zukunftsforscherin und Spezialistin für Co-Creation. Als Game Designerin hat sie außerdem das Spiel „The Future Game 2050“ mitentwickelt, durch das man Zukunft immersiv erleben kann.

Du hast einen ziemlich besonderen Job. Wie reagieren die Leute darauf, wenn du ihnen erzählst, dass du Zukunftsforscherin bist?

Bei Familienfeiern wird natürlich schnell der Witz gemacht „Frida hat bestimmt eine Glaskugel zuhause.“ Schließlich muss Zukunftsforschung ja etwas mit Wahrsagen zu tun haben. Viele verlangen auch von mir, ihnen zu sagen wie die Zukunft aussehen wird. So nach dem Motto: „Jetzt sag doch mal: Wie wird XY in Zukunft laufen?“ Die Menschen hoffen oft, dass ich ihnen ihre Fragezeichen nehmen kann. Natürlich ist es so, dass ich durch Trendforschung manchmal ein etwas klareres Bild habe, aber meine Aufgabe ist es nicht, Prognosen abzugeben. Stattdessen ist es mein Job, Menschen beim Umgang mit der unsicheren Zukunft zu unterstützen.

Mein Job ist es, Menschen beim Umgang mit der unsicheren Zukunft zu unterstützen.

Welche Frage würdest du gern deinem zukünftigen Ich stellen?

Der Arbeitsforscher Frithjof Bergmann hat den Begriff geprägt vom „wirklich, wirklich Wollen“. Ich glaube, ich würde mein zukünftiges Ich fragen: „Na, machst du auch das, was du wirklich, wirklich willst?“ Denn das ist für mich die wichtigste Frage, von der alles andere abhängt. Auch die philanthropische Frage „Bringst du das Gute in die Welt?“ leitet sich für mich aus dieser Frage ab. Denn wenn ich selbst zufrieden bin, tue ich Dinge, die mir und anderen helfen. Darum ist die Frage nach dem, was ich wirklich, wirklich will, für mich wie ein Leitprinzip. Schon jetzt versuche ich mir diese Frage jeden Tag zu stellen und sie ehrlich zu beantworten – was manchmal gar nicht so leicht ist. Schließlich macht es einem das Leben manchmal schwer, so zu leben, wie man wirklich will. Aber egal in welcher Welt ich einmal leben werde oder wie ich einmal sein werde: Ich hoffe, dass mein zukünftiges Ich immer das tun wird, was es wirklich, wirklich will.

Was schulden wir unseren zukünftigen Ichs?

Ich glaube, dass die Grundwerte, die wir heute haben, auch in der Zukunft für uns wichtig sein werden. Darum schulden wir es uns selbst, unseren Grundwerten so zu entsprechen, dass wir sie auch in Zukunft ausleben können. Ich glaube, ganz viel Zukunftszerstörung liegt darin, dass wir eigentlich nicht in der Gegenwart präsent sind. Wir sind nicht aufmerksam genug und schätzen uns selbst nicht genug wert: Wir ernähren uns nicht gut genug, denken nicht darüber nach, welche Auswirkungen Billigfleisch hat, wir fragen uns nicht, was wir „wirklich, wirklich wollen“. Das führt zu Routinen, die schlecht für die Zukunft sind. Wenn wir ehrlich sind, sind diese Routinen aber auch heute schon schlecht. Vielleicht müssen wir uns manchmal gar nicht so sehr mit der Zukunft beschäftigen – manchmal würde es schon reichen, unser Jetzt tief zu verstehen. Denn eins steht fest: Wir leben jetzt und haben die Verantwortung für das Jetzt. Das Jetzt lässt uns nicht so leicht aus dem Schneider wie eine ungewisse Zukunft. 

Viel Zukunftszerstörung liegt darin, dass wir nicht in der Gegenwart präsent sind.

Was bringt es uns denn überhaupt, über die Zukunft nachzudenken?

Es gibt einen schönen Begriff, nämlich „Pull of the Future“ – die Zukunft zieht mich also zu sich. Ich finde, das kann man auch übersetzen mit „Was ruft mich?“. Die Antwort auf diese Frage bestimmt dann, worauf ich mich heute konzentrieren möchte. Das bedeutet natürlich nicht, die ganze Zeit in der Zukunft zu leben, sondern vielmehr, sich eine Routine im Jetzt für die eigene, wünschbare Zukunft zu schaffen. Das ist ja das Schöne an der Gegenwart – ich kann heute etwas tun, um mir die Zukunft zu schaffen, die ich haben möchte. Das gibt mir ein Gefühl von Selbstwirksamkeit. Gleichzeitig muss ich mich aber auch auf die Ungewissheit der Zukunft einlassen. Das kann sogar etwas Beruhigendes haben: Wenn ich die Zukunft sowieso nicht unter Kontrolle habe, kann ich mich auch entspannen und den Moment genießen. Diese Balance hinzubekommen aus totaler Gestaltung und Selbstwirksamkeit auf der einen und totaler Hingabe an das Ungewisse auf der anderen Seite, ist nicht leicht. Für mich ist es wie ein Seiltanz zwischen zwei Extremen, der mir die Würze im Leben gibt.

Wie schafft man es, sich mit der Zukunft auseinanderzusetzen?

Zukunft ist für uns schon allein kognitiv nicht greifbar. Unser Gehirn findet Zukunft einfach unsexy – wir sind dafür gebaut, immer auf das Jetzt zu reagieren. Das heißt, die einzige Möglichkeit mich in die Zukunft hineinzufühlen ist, sie mir in die Gegenwart zu holen. Das bedeutet einfach so zu tun als wäre die Zukunft schon da. Dann erst nimmt mein Gehirn die Zukunft als wichtig wahr.

Unser Gehirn findet Zukunft einfach unsexy.

Das versuchen mein Mitgründer und ich mit unserem Spiel „The Future Game 2050“. Im Spiel bauen wir ein Szenario aus dem Jahr 2050 auf, geben den Teilnehmenden je eine Rolle und lassen sie im Zukunftsszenario agieren. Damit wird Zukunft ein Stück greifbarer. Entscheidend ist hierbei, dass das Spiel ein Erlebnis ist. Denn wenn ich einfach zu dir sage „Stell dir vor du bist im Jahr 2050“, dann kommt dir dein zukünftiges Selbst vor wie eine fremde Person – die Botenstoffe im Gehirn, die dir sagen „ich bin ich“ werden schlicht nicht ausgestoßen. Wir brauchen Erlebnisse und Storytelling, um Empathie für unsere zukünftigen Ichs zu entwickeln. Übrigens sind erlebbare Zukunftsszenarien nie dafür da, wirklich wahr zu werden. Sie sind keine Prognosen. Vielmehr helfen sie uns dabei, eine Haltung zu einer möglichen Zukunft zu entwickeln und so Maßnahmen für oder gegen diese Zukunft zu ergreifen.   

Wir brauchen Erlebnisse und Storytelling

Sag es uns: Wie schaffen wir es, uns die Zukunft bauen, die wir haben wollen?

Bei dieser Frage gibt es zwei extreme Meinungen: Die Einen sagen, dass wir die Zukunft nicht beeinflussen können und sowieso alles so kommen wird, wie es kommen wird. Die andere Seite sagt „alles ist möglich – wir bauen uns die Zukunft, die wir haben wollen“. Das ist mir zu naiv. Ich möchte mich zu keinem der beiden Extreme zählen. Stattdessen glaube ich, dass wir unsere Werte geschickt mit Trends verbinden müssen, die schwer aufzuhalten sind. Es geht darum, nicht nur die wünschbaren und möglichen Zukünfte zu identifizieren, sondern vielmehr die wünschbaren und wahrscheinlichen. Ich kann die Augen nicht verschließen und mir den Klimawandel oder KI wegwünschen. Es ist viel zielführender, mich zu fragen: Wie kann ich auf die Trends einwirken, sodass sie mir helfen, meine Werte auszuleben? Ich muss mir die Trends zu Komplizen machen, um das zu erreichen, was ich will. Hierbei ist jeder einzelne gefragt. Wir müssen unsere erlernte Unmündigkeit loswerden und uns stärker verantwortlich fühlen. Wir müssen trotz Unsicherheit frohen Mutes aktiv bleiben. Das ist der Schlüssel.

Verfasst von:

Nina Martin

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