Innovation

Einmal Zukunft und zurück

Wie Zukunftsprototypen uns dabei helfen, die Welt von morgen auszuprobieren

Rosalie von Boch
August 12, 2020
5min Lesezeit

Teil 1

Wie werden wir in Zukunft die Beziehungen zu unseren Eltern, Großeltern und Freunden erhalten und pflegen? Als wir vor einem Jahr einen Zukunftsprototypen zu diesem Thema entwickelten, ahnten wir nicht, was für eine essentielle Bedeutung diese Frage in den nächsten Monaten entfalten würde.

Die Coronavirus-Pandemie und der daraus resultierende Rat, möglichst zu Hause zu bleiben und sich nicht mit anderen zu treffen, hat zwischenmenschliche Verbindungen auf das Mindeste reduziert.

Die Wenigsten fühlen sich auf die Situation, in der wir uns befinden, vorbereitet, weil es angenehmer ist, die Welt als geordnet und verständlich zu betrachten und das Eintreten höchst unwahrscheinlicher Situationen zu ignorieren.

Die neue Situation gibt uns jedoch eines deutlich zu spüren: Zukunft ist kein Ereignis, das auf uns zukommt und geplant werden kann. Die Zukunft ist ein Raum vieler Möglichkeiten.

Wir glauben, dass vielen Organisationen die Auseinandersetzung mit der Zukunft schwerfällt, weil Diskussionen über die Zukunft meist vage, abstrakt und von Meinungen getrieben sind.

Zukunftsszenarien und deren Konsequenzen sind schwer vorstellbar, da sie kaum greifbar sind und keinen Bezug zum eigenen Leben und Tun haben. Gleichzeitig ist es wichtiger denn je in Zeiten der Unsicherheit resilient zu bleiben und den Blick für zukünftige Geschehnisse, neue Chancen und Innovationsfelder offen zu halten.

Doch wie kann man bei der Unsicherheit über das Morgen schon heute ein Gespür für zukünftige Innovationsfelder entwickeln?

Eine Möglichkeit, sich Handlungs- und Innovationsfeldern zu nähern, besteht darin, Zukünfte erfahrbar zu machen, diese in die Gegenwart zu projizieren und im Hier und Jetzt zu testen — mit Hilfe von Zukunftsprototypen. Diese fiktiven Produktprototypen helfen uns, Thesen über mögliche Entwicklungen von Bedürfnissen, neuen Herausforderungen und Chancen der Zukunft schon jetzt diskutierbar zu machen. Sie sind das Ergebnis eines Zukunftssprints, in dem wir aktuelle Trends und deren Herausforderungen und Chancen analysieren. Als Testende laden wir Expert*innen und Nutzende unserer Future-User Panel Group ein. Durch die Interaktion mit den fiktiven Prototypen wird Zukunft real. Dies ermöglicht eine Diskussion über wahre Beweggründe und Veränderungsmotivationen statt reines Reproduzieren von populären Zukunftsmeinungen. Auf dieser Basis entstehen hochwertige Diskussionen über Zukunft.

Unser Zukunftsprototyp — Call your Granny — zeigt dir wie wir dabei vorgehen.

Zukunftsprototyp: Call your Granny

In einem Projekt zur “Zukunft des Beziehung-Haltens” haben wir Innovationsfelder identifiziert und Projekte abgeleitet. Zur Validierung der Innovationsannahmen entstand der “Call your Granny” Zukunftsprototyp. Er sieht aus wie viele Start-Up Angebote und beschreibt sich als K.I.-basierte App, die Nutzenden anbietet, automatisierte Telefongespräche mit den Großeltern zu führen.

Einrichtungsbildschirm der App

Der Kniff dabei ist, dass die App gegenwärtige Entwicklungen des Natural Language Processings — eine K.I.-Forschungsrichtung, in der Maschinen lernen, wie Menschen zu sprechen — aufgreift und den Nutzenden anbietet, die Telefonate mit Familienangehörigen mit der eigenen Stimme automatisiert durchzuführen.

Zukunft erleben und diskutieren

Die bewusst provokante Zuspitzung von technischen und gesellschaftlichen Trends in Form der fiktiven App bildete für das Projektteam die Grundlage, um nach den Testings mit Nutzenden tiefere Gespräche darüber zu führen, welche Ängste oder Wünsche dieses Zukunftsszenario bei ihnen auslöst und herauszufinden, unter welchen Bedingungen Nutzende bereit sind, künstliche Intelligenz in ihren Alltag des Beziehung-Pflegens zu integrieren (Veränderungsmotivation).

Gegenwart und mögliche Zukünfte verstehen

Ableitung einer Zukunftsstrategie

Zum Ende der Zukunftsintervention und basierend auf der Diskussion mit Nutzenden, ließ sich eine Strategie für den verantwortungsvollen Einsatz von K.I. im Kontext des „Beziehung-Haltens“ ableiten. Eines der handlungsleitenden Prinzipien dieser Strategie veranlasst zum Beispiel, dass Menschen das Recht haben zu wissen, ob sie mit Menschen oder Maschinen sprechen.

Bild der Ergebnisse

Das Beispiel der “Call your Granny App” veranschaulicht, wie gut man sich mit Zukunft auseinandersetzen kann, wenn sie auf einmal greifbar wird. Mit Hilfe von Zukunftsprototypen könnt ihr schon heute ganz einfach testen, wie Menschen auf zukünftige Entwicklungen reagieren und herausfinden, was Menschen brauchen, oder was sie daran hindert, um sich auf mögliche Zukünfte einzulassen.

Teil 2

Die Auseinandersetzung mit Zukunftsfragen ist für viele Organisationen heutzutage wichtiger Bestandteil: Was sind mögliche Entwicklungen von Bedürfnissen, neuen Herausforderungen und Chancen der Zukunft, die für uns relevant sind?

Da Zukunft aber nicht vorhersehbar und hoch komplex ist, fällt es vielen Organisationen schwer, sich systematisch mit ihr auseinanderzusetzen, denn das Denken in verschiedenen Zukunftsszenarien erfordert viel Abstraktionsvermögen.

Doch was wäre, wenn wir Zukunftsszenarien erlebbar machen könnten?

Wenn wir Menschen in eine mögliche Situation von morgen hineinversetzen, können sie emotionale Reaktionen auf das Erlebte äußern. Dies ermöglicht es, hochwertige Gespräche über die Zukunft zu führen und wertvolle Erkenntnisse über wünschbare und vermeidbare Zukunftsentwicklungen zu erhalten.

Für diesen Zweck entwickeln wir bei zero360 fiktive Produktprototypen. Durch die Interaktion mit den fiktiven Prototypen wird Zukunft real.

Wie der Entwicklungsprozess eines solchen Zukunftsprototypens bei zero360 abläuft und worauf man achten muss, möchten wir euch im Folgenden, anhand des beispielhaften Prototypens “Call Your Granny” vorstellen.

Worauf muss ich bei der Entwicklung eines Zukunftsprototypen achten?

Es gibt zwei Eigenschaften, die ein guter Zukunftsprototyp erfüllen muss:

  1. Kohärenz: Der Zukunftsprototyp und das Szenario, in dem dieser eingebettet ist, muss einen Zusammenhang zu gegenwärtigen Entwicklungen aufweisen, um aus Sicht des Betrachters glaubwürdig zu erscheinen.
  2. Diskutierbarkeit: Der Zukunftsprototyp soll zum Nachdenken anregen und eine Debatte auslösen, die dazu anstiftet, über wünschbare und vermeidbare Zukunftszustände und Entwicklungen, sowie persönliche Veränderungsmotivationen zu reflektieren.

Kohärenz herstellen

Trendrecherche

Um Kohärenz herzustellen, führten wir im ersten Schritt eine Recherche zu gegenwärtigen Trends zum Thema “Beziehungen halten” durch. Hierbei ist es wichtig zu beachten, dass neben der technologischen Dimension auch soziale, ökonomische, ökologische und politische Dimensionen einbezogen werden, um ein umfassendes Bild zu erhalten, auf dessen Basis der Prototyp entsteht.

Im Themenfeld des “Beziehung-Haltens” identifizierten wir mit Hilfe unseres Trendradars eine Reihe an technologischen, sozialen, ökonomischen, ökologischen und politischen Trends.

Zukunftsthesen

Anschließend priorisierten wir die relevantesten Entwicklungen im Kontext des “Beziehung-Haltens” und formulierten dahinterliegende Zukunftsthesen.

Priorisierte Entwicklungen

  • Auseinanderdriften der Lebenswelten von Alt und Jung durch schnelllebige Welt und institutionalisierte Trennung der Lebenswelten
  • Künstliche Intelligenz wird zum realen Akteur
  • Natural Language Processing lässt künstlich generierte Stimmen durch realistische Elemente, wie Atmung, menschenähnlich erklingen

Zukunftsthesen

  • Auseinanderdriftende Lebenswelten führen zur zunehmenden Vereinsamung von Senioren
  • Künstliche Intelligenz ermöglicht Senioren die soziale Teilhabe
  • Natural Language Processing lässt künstliche Stimmen so echt erklingen, dass man nicht mehr unterscheiden kann, ob man sich mit einem Menschen oder einer Maschine unterhält

Mit Hilfe der Zukunftsthesen lassen sich zugespitzte Aussagen über mögliche Entwicklungsrichtungen und damit einhergehende Probleme, Bedürfnisse und Wünsche treffen auf deren Basis wir eine Reihe an Ideen für zukünftige Innovationsfelder generierten.

Prototypen diskutierbar machen

Nun steht die Zukunftsidee im Raum. Doch wie können wir diese Idee und die dahinter liegenden Thesen testen?

An dieser Stelle kommt der Zukunftsprototyp ins Spiel. Dieser macht die Zukunftsidee in einem Artefakt der Zukunft greifbar und durch die Einbettung in eine Situation, die einen Bezug zum eigenen Leben und Tun hat, erlebbar.

Im Case “Call Your Granny” entschieden wir uns für die Entwicklung einer App (Artefakt). Eingebettet wurde das ganze in das Aufpoppen eines Software Updates im Moment der Kontaktsuche, welches den Nutzenden vorschlägt, automatisierte Familienanrufe zu tätigen, um mehr Zeit für sich selbst zu haben (Situation).

Hochwertige Gespräche über die Zukunft führen

Das Ziel des Zukunftsprototypens ist es, euren Gegenüber in eine möglich Welt von morgen zu versetzen. Der Zukunftsprototyp “Call your Granny” ist eine bewusst provokante Zuspitzung von technischen und gesellschaftlichen Trends, da wir in unserem Gegenüber starke emotionale Reaktionen hervorrufen wollten, um nicht bloß Meinungen zu hören, sondern tiefe Gespräche über Wünsche, Ängste, Herausforderungen und Möglichkeiten der Zukunft des Beziehung-Haltens zu führen.

Durch das Erlebnis dieser physischen Situation können Menschen emotionale Reaktionen auf das, was sie erleben, äußern und eine aktive Positionierung und Reflektion über Wünschbares, zu Vermeidendes und über Dinge, für die man sich einsetzen möchte, leisten. Präsentiert dazu eurem Gegenüber den Zukunftsprototypen und lasst sie/ihn diesen durchleben. Achtet darauf, dass euer Gegenüber ihre/seine Gedanken laut ausspricht. Auf dieser Basis entstehen nach der Erfahrung des Prototypens wertvolle Diskussionen.

Ableitung von Innovationsfeldern treffen

Ein gutes Zukunftsgespräch ermöglicht es zum einen, Trends und Thesen einfach zu validieren, dadurch, dass Nutzende Antworten darauf geben welche Entwicklungen der Gegenwart sie im vorliegenden Prototypen wiedererkennen. Zum anderen bieten die emotionalen Reaktionen der Nutzenden einen Einstieg, um über Bedürfnisse und Veränderungsmotivationen zu reflektieren:

“Unter welchen Bedingungen bist du bereit, Teile deines Lebens von künstlicher Intelligenz steuern zu lassen?”

“Welche Veränderungen würdest du dir im Kontext “Zukunft des Beziehung-Haltens wünschen?”

Aus den Antworten der Nutzenden auf diese Art von Fragen ließ sich eine Strategie für den verantwortungsvollen Einsatz von K.I. im Kontext des „Beziehung-Haltens“ ableiten.

Falls euch die Zukunft in eurer Arbeit beschäftigt und ihr Interesse daran habt, euch möglichen Innovationsfeldern über Zukunftsprototypen anzunähern, könnt ihr uns gerne kontaktieren.

Dieser Artikel wurde in Kooperation mit Jana Wichmann, Lead Agility & Operations, und Veit Vogel, Lead Public & Future Design von zero360, verfasst.

verfasst von:

Rosalie von Boch

zum Profil

Einblicke, Studien und Inspiration

Erhalte unseren Newsletter

Weitere spannende Artikel