Innovation

In welcher Zukunft willst du leben?

Eine Anstiftung zum Zukunftsgespräch

Rosalie von Boch
August 11, 2020
3min Lesezeit

Wenn von Zukunft gesprochen wird, spricht man von der Zukunft. Als wäre es etwas Sachliches, das man nur gut berechnen müsste. Neben der Sachlichkeit gehört zur Zukunftsgestaltung aber vor allem eine Diskussion über Wünsche, Befürchtungen und Hoffnungen. Denn Zukunft betrifft uns, jeden von uns. Aus diesem Grund sprechen wir bei zero360 stets von unserer Zukunft.

Aber wie kann ich beitragen zu unserer Zukunft? Wie kann ich verstehen, welche Zukunft wünschbar ist und in welcher ich auf keinen Fall leben möchte?

Denken in verschiedener Zukunftsszenarien erfordert viel Abstraktionsvermögen. Es ist leicht gefragt: In welcher Zukunft willst du leben? Aber die Antwort darauf ist komplex. Oft gar überfordernd.

Gleichzeitig ist sie essentiell. Nur wenn wir uns bewusst machen, in welcher Zukunft wir leben wollen, können wir diese proaktiv gestalten.

Bei zero360 wollen wir Zukunft zugänglich machen. Wir glauben, dass eine gute Struktur dabei hilft, zukünftige Möglichkeiten systematisch zu erkunden und dabei zu erkennen, für welche Zukunft man sich als Individuum oder als Organisation einsetzen möchte. Um dies zu tun, müssen wir gute Gespräche führen — und das gemeinsam. Denn am Ende des Tages sind es nicht Einzelhandlungen, sondern die Summe dieser, die unsere Zukunft gestalten.

Wie führt man ein gutes Gespräch über die Zukunft?

Eine Möglichkeit sich dem zu nähern, ist es, Annahmen durch Wissensträger evaluieren zu lassen.

Das zero360 Zukunftsbarometer ist ein ko-kreativer und strukturierter Austausch zur Evaluierung verschiedener Zukunftsthesen. Dieser baut auf der Delphi-Methode (Cuhls; 2009) auf. Im Folgenden stellen wir euch vor, wie ihr in dreißig Minuten hochwertige Gespräche über Zukünfte anleiten könnt und Stimmungsbilder zu wünschenswerten oder zu vermeidenden Zukünften ableitet.

Bereitet euch vor

Das zero360 Zukunftsbarometer basiert auf Zukunftsthesen im Kontext eines Themenfeldes. Zum Beispiel: “Entwicklung der Stadt bis zum Jahr 2050”.

Wir haben sehr gute Erfahrungen damit gemacht, Thesen via Crowdsourcing zu sammeln — bei unseren Experten im Team, bei Kunden, im Netzwerk. Ergänzt werden diese durch unsere Beobachtungen und Erkenntnisse aus Interviews.

Da eure Thesen der Ausgangspunkt für ein hochwertiges Gespräch sind, solltet ihr bei der Erstellung der Thesen Folgendes beachten:

  1. Formuliert zugespitzte Thesen, die zur Diskussion anregen. Es darf ruhig provokant sein.
  2. Formuliert lieber mehrere spezifische Thesen als eine These, die eine gesamte Weltanschauung beschreibt.
  3. Die Thesen können aus Sicht des Erstellers wünschbar, vermeidbar oder wahrscheinlich sein. Die eigene Haltung steht bei der Erstellung nicht im Vordergrund.

Hier ist ein Beispiel für eine zugespitzte Zukunftsthese, wie wir sie im Kontext “Entwicklung der Stadt bis zum Jahr 2050” verwenden:

Premium-Citizenship: Für einen geringen monatlichen Beitrag erhält man besseren öffentlichen Service, wie z.B. Plätze in der U-Bahn, beta-access zu neuen städtischen Angeboten, bessere WLAN-Verbindung im öffentlichen Raum, Nutzung des Onlineservice der Behörden ohne Wartezeiten und Vortritt bei Kita-und Schulplatzwahl.

Für die Verwendung in Workshops könnt ihr eure Thesen in das zero360 Zukunftsbarometer Template übertragen.

zero360 Zukunftsbarometer

So wendet ihr das Zukunftsbarometer im Workshop an:

#1

Alle Teilnehmenden erhalten nach kurzer Einführung die Zukunftsthesen. Die Aufgabe: Individuelle Haltung zur These einnehmen! Dies erfolgt auf zwei Ebenen:

Im ersten Schritt wird eine sachliche Haltung bezogen. Sehe ich Tendenzen, die eine solche Zukunft möglich erscheinen lassen? Auf Basis des eigenen Wissenstands zu aktuellen Entwicklungen wird eine Bewertung abgegeben.

Die zweite Bewertung adressiert die emotionale Haltung. Wie stehe ich dieser Zukunft gegenüber? Optimistisch oder pessimistisch? Welchen Einfluss kann ich aus meiner Sicht einnehmen? Diese Art der Zukunftsbewertung orientiert sich an der sogenannten Methode, “The Polak Game” oder “Where do you Stand”, welche darauf abzielt weitreichende Gespräche über die Zukunft zu erleichtern (Hayward & Candy; 2017).

#2

Nun gilt es, sich einen Partner zu suchen und die eigene Einschätzung zu debattieren. Dieser methodische Bestandteil soll zu einem hochwertigen Gespräch über Zukünfte führen. Es geht nicht um Konsens, richtig oder falsch. Im Vordergrund steht die gemeinsame Auseinandersetzung mit der aufgezeigten Zukunft und die Einbeziehung der Perspektive meines Gegenübers in meine eigene Einschätzung.

Die hier einzuplanende Zeit ist abhängig von der Anzahl der zu diskutierenden Thesen.

#3

Im Anschluss haben die Teilnehmenden die Aufgabe, die neuen Informationen zu reflektieren und ihre initiale Bewertung auf Basis der neuen Erkenntnisse und Anregungen zu überdenken und im Template anzupassen.

#4

Die Bewertungen der Teilnehmenden werden kumuliert und auf eine für alle sichtbare Auswertungstafel übertragen.

Beispiel für eine Auswertungstafel

#5

Abschließend geht es darum, alle Beteiligten zur aktiven Zukunftsgestaltung einzuladen und gemeinsam konkrete Maßnahmen für die Gegenwart zu erarbeiten. Dabei könnt ihr euch folgende Fragen stellen:

Wir-Perspektive

  • Was müssen wir tun, um diese Zukunft zu sichern?
  • Was müssen wir tun, um diese Zukunft zu verhindern?

Ich-Perspektive

  • Was kann ich konkret heute tun, um dieser Zukunft entgegenzuwirken?
  • Was kann ich konkret heute tun, um den Weg in diese Zukunft zu stärken?

Wir wissen aus eigener Erfahrung, wie schwierig es ist, strukturiert und systematisch über Zukunft nachzudenken und sich auszutauschen. Das Zukunftsbarometer soll euch als Stütze dienen, mit der ihr hochwertige Gespräche anleiten könnt, um Zukunft zugänglich und gestaltbar zu machen.

Ihr habt Lust, das Zukunftsbarometer gleich auszuprobieren? Schreibt uns einfach eine Email.

Wir senden euch das Template zu und tauschen uns auch gerne mit euch zu Anwendungsfragen aus. Wir freuen uns, den Diskurs um unsere Zukunft immer weiterzudrehen!

Der Artikel wurde gemeinsam mit Jana Wichmann, Lead Agility & Operations, und Veit Vogel, Lead Public & Future Design von zero360, verfasst.

Referenzen:

Cuhls, K. (2009). Delphi-Befragungen in der Zukunftsforschung. In Zukunftsforschung und Zukunftsgestaltung (pp. 207–221). Springer, Berlin, Heidelberg.

Hayward, P. & Candy, S. (2017). The Polak Game, or: Where do you stand?. Journal of Futures Studies. 22. 5–14. 10.6531/JFS.2017.22(2).

verfasst von:

Rosalie von Boch

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