Transformation

Wie sieht die Zukunft von Büros aus?

Jasmine Werner im Interview

Nina Martin
Oktober 15, 2020
4min Lesezeit
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Jasmine Werner ist Expertin für New Workspace & New Work bei Axel Springer SE. Ihr Job ist es, die Mitarbeitenden beim kulturellen Wandel in eine neue Arbeitswelt zu begleiten – besonders in Zeiten von Pandemie und Homeoffice eine spannende Aufgabe. Brauchen wir Büros überhaupt noch? Wie sehen die Büros der Zukunft aus? Darüber haben wir mit ihr gesprochen.

In Zeiten von Corona fragen sich viele, wie es mit der Zukunft des Büros weitergehen soll. Welche Fragen werden dir als Expertin für New Workspaces jetzt am häufigsten gestellt? 

Durch Corona hat sich die Bürolandschaft drastisch verändert und tut es noch.

Eine zentrale Frage, die mir jetzt oft gestellt wird, ist zum Beispiel: Brauchen wir das Büro insgesamt überhaupt noch? Das Büro als Raum, wo man morgens hingeht, wird also derzeit komplett in Frage gestellt. 

Auch werde ich oft gefragt, ob der Trend nun wieder in Richtung Einzelbüros geht. In Großraumbüros sind die hygienischen Sicherheitsvorkehrungen natürlich schwieriger umzusetzen als in den isolierten Räumen der Einzelbüros. Sind Einzelbüros in Zukunft also wieder der Renner? 

Und dann gibt es noch die Frage nach Hybrid-Modellen. Anfangs waren wir alle kollektiv im Homeoffice. Da saß jeder im selben Boot. Wenn Organisationen es ihren Mitarbeiter*innen jetzt offenlassen, ob sie ins Büro kommen oder nicht, bringt das andere Herausforderungen mit sich. Die Frage ist: Wie erreichen wir hier eine produktive Zusammenarbeit?

Und wie antwortest du darauf? 

Ich bin auf alle Fälle pro Büro. Ich bin nicht dafür, dass man das Büro komplett abschafft. Ich stelle mir eher die Frage: Wie können wir Büros wieder attraktiv machen, sodass die Leute sich doch wieder dafür entscheiden, den Arbeitsweg anzutreten und ins Büro zu kommen?

Ich bin auf alle Fälle pro Büro.

Das Büro hat nämlich viele Vorteile: Zuhause kann ich mich zwar besser konzentrieren, aber meine Kolleg*innen fehlen mir. Ich vermisse es, an einem Tisch zu sitzen und echten Blickkontakt zu haben. Außerdem fällt zuhause die Trennung zwischen Arbeits- und Privatleben schwer. Ein weiterer Faktor ist auch die Gleichberechtigung. Im Büro haben alle dieselben Bedingungen: Einen anforderungsgerechten Bürostuhl, eventuell einen höhenverstellbaren Schreibtisch, die gleiche Technik, die gleiche Ausstattung im Meetingraum. Zuhause ist das keine Selbstverständlichkeit. Da haben alle andere Voraussetzungen und somit andere Chancen. 

Meiner Meinung nach darf das Büro als Ort nicht wegfallen. Schon alleine die Botschaft an die Mitarbeitenden ist wichtig: „Wir haben hier einen Platz für dich, du bist hier willkommen. Schön, dass du bei uns arbeitest.“ 

Auch darf die Pandemie uns nicht dazu verleiten, nun Entscheidungen wie eine Rückkehr zu Einzelbüros zu treffen. Das mag zwar kurzfristig Vorteile haben, aber langfristig hemmt es den Austausch zwischen den Mitarbeiter*innen und somit den Erfolg der Organisation. 

Wenn du deine Arbeit getan hast und vielleicht irgendwann in Rente gehst: Wie sehen Büros dann aus? 

Ich glaube an ein Konzept in Richtung Smart Workplace – also ein intelligenter, flexibler Arbeitsplatz, wo ich als Mitarbeiter*in die Freiheit habe zu entscheiden: Mache ich meine Aufgabe heute am besten von zuhause aus oder wähle ich einen Platz im Büro? Vielleicht miete ich mir mit meinen Kolleg*innen einen Projektraum mit flexiblen Möbeln, um dann viel schneller zu einem gemeinsamen Ergebnis kommen. Das Büro der Zukunft ist also ein Ort, wo die Freiheit der Mitarbeitenden im Mittelpunkt steht. 

Das Büro der Zukunft ist ein Ort, wo die Freiheit der Mitarbeitenden im Mittelpunkt steht. 

Das Bild, das ich von einem zukünftigen Büro im Kopf habe, sieht etwa so aus: Die Empfangshalle ist nicht länger ruhig und ausgestorben – oft kommt man da ja nur rein und geht direkt zum Fahrstuhl. In der Zukunft ist das Erdgeschoss bereits lebhaft und bunt. Die Menschen diskutieren und vielleicht isst der eine etwas in der Kantine und der andere sitzt in einem kleinen Co-Working-Bereich. Man sieht also gleich beim Reinkommen: Hier gibt es Leben. 

Wie lassen wir solche Büros Wirklichkeit werden? 

Der Mensch muss bei all diesen Prozessen im Mittelpunkt stehen. Mitarbeitende müssen einbezogen werden. Man kann nicht einfach von oben herab sagen: „Hey, das ist gerade Trend und darum machen wir das jetzt“. Nicht zu jeder Organisation passt dasselbe Modell. Man muss sich fragen: Was macht uns eigentlich aus und was wäre für uns die beste Lösung? Das kann man über Mitarbeitenden-Beteiligung machen, wie zum Beispiel Umfragen, spielerische Ideenwettbewerbe oder Diskussionsrunden. So findet man die zentralen Werte heraus, die die eigene Organisation ausmachen, und darauf baut man dann ein eigenes und passendes Arbeitsplatzmodell auf. 

Allerdings ist es ganz wichtig, nicht nur die physische Umgebung zu verändern, sondern auch die Führungskonzepte. Die zukünftige und moderne Führungskraft befindet sich auf Augenhöhe mit den Mitarbeitenden, fungiert als Coach und Fragensteller*in und gibt nicht nur top-down Anweisungen. 

Es ist ganz wichtig, nicht nur die physische Umgebung zu verändern, sondern auch die Führungskonzepte.

Wir müssen uns trauen, alte Konzepte zu hinterfragen – und das hört nicht bei den Möbeln auf. 

Was kann man als Individuum dafür tun?

Ich finde es wichtig, sich selbst regelmäßig zu hinterfragen: Mache ich das, was ich auch in Zukunft noch machen will? Bringt das mich und meine Organisation voran? Kann ich meine Stärken und Leidenschaften derzeit ausleben?

Diese regelmäßige Reflexion ist der erste Schritt. Ultimatives Ziel ist die maximale Potenzialausschöpfung eines jeden Einzelnen. Das liegt natürlich in erster Linie in der eigenen Verantwortung, aber die Organisationen sollten auch Angebote dafür schaffen. Sie können zum Beispiel Fortbildungsprogramme und kleine Praktika in anderen Unternehmensbereichen (also einen kurzfristigen Jobtausch) anbieten, damit sich die Mitarbeitenden weiterentwickeln. 

All das erfordert natürlich Mut. Ich muss mich selbst auf oft pushen, einfach mal Dinge auszuprobieren und mich zu trauen, Sachen nicht perfekt zu machen. Aber es lohnt sich. 

Verfasst von:

Nina Martin

Nina mag es Dinge anzusprechen, die zu kurz kommen, die neu sind, die alle betreffen. Das tut sie in unseren Transformations- und Innovationsprojekten und in unseren Print- und Onlineveröffentlichungen. Denn wenn sie etwas überhaupt nicht kann, dann ist es im Leben nur eine Sache zu machen. Mehr zu Nina auf ihrer Website.

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