Innovation

Wie sieht die Zukunft des Lernens aus, Farid?

Farid Bidardel im Interview

Nina Martin
April 6, 2021
5min Lesezeit
farid-bidardel-profil

Farid Bidardel ist Co-Founder und Vorstandsvorsitzender von CodeDoor e.V. und Geschäftsführer der TensorParc GmbH. In beiden Organisationen beschäftigt er sich damit, wie Menschen mithilfe künstlicher Intelligenz lernen können. Wir haben uns mit ihm darüber unterhalten, was Menschen zum Lernen brauchen, welche Rolle KI spielt und wie er seinen eigenen Lernpfad bewusst steuert.

Du bist nicht nur Gründer, sondern auch Psychologe und Bildungswissenschaftler. Was sagt die Forschung: Wie lernen wir am besten?

Die meisten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind sich mittlerweile einig, dass man am meisten durch Erfahrung lernt. Dabei spielen vor allem Sinnesorgane eine wichtige Rolle. Das sieht man besonders bei Kindern: Kinder lernen, indem sie Sachen spüren, ertasten, in den Mund nehmen. Dieses Prinzip kann auch im weiterführenden Lernen angewandt werden. Wenn man zum Beispiel Französisch lernt, wäre es besten, nach Frankreich zu gehen, französisches Essen zu essen, sich mit französischen Menschen zu unterhalten, französische Museen zu besuchen und so weiter. Wenn man in eine Lernumgebung eintaucht, lernt man besser. Je mehr Sinnesorgane ich benutze, desto mehr kann ich aufnehmen. Diesen Raum des Erfahrungssammelns zu bieten, ist für viele Bildungseinrichtungen allerdings unheimlich schwer.

Kinder lernen, indem sie Sachen spüren, ertasten, in den Mund nehmen. Dieses Prinzip kann auch im weiterführenden Lernen angewandt werden.

Ein anderer Punkt ist die Anstrengung beim Lernen: Je weniger Energie ich aufwenden muss, um etwas zu lernen, desto mehr kann ich aufnehmen. Es geht also um die Art und Weise, auf die mir Lerninhalte präsentiert werden: Kann ich mich mit ihr identifizieren? Entspricht sie meiner eigenen Denkweise? Dieses Phänomen kennen wir alle aus der Schule: Dort hatte jeder seinen Lieblingslehrer. Meist war das die Person, deren Witze wir lustig, Geschichten spannend und Erklärungen einleuchtend fanden. Entsprechend fiel uns das Lernen bei diesem Lehrer am leichtesten.

Als dritten Punkt könnte man dann noch das Scheitern nennen. Auch hier können wir uns Kinder anschauen. Wenn man bedenkt, wie oft ein Kind scheitert, ehe es laufen oder das erste Wort sagen kann, merkt man schnell, wie wichtig eine solche Steh-Auf-Mentalität für das Lernen ist. Aus meiner Sicht verlieren wir diese Mentalität allerdings schnell. Als Erwachsene trauen wir uns nicht mehr zu scheitern. Daran ist besonders das derzeitige Schulsystem schuld: Wenn ich in der Matheprüfung durchfalle, muss ich eventuell das komplette Jahr wiederholen. Ich lerne also, dass ich nicht scheitern darf und fange an, Mathe zu hassen. Wenn Kinder das machen würden, würden sie nie Laufen lernen. Dass es okay ist zu scheitern, ist noch nicht ganz in unserem Bewusstsein angekommen.

Jeder Mensch ist also ein individueller Lerntyp. Wie kann ich denn herausfinden, wie ich selbst am besten lernen kann?

Der Weg dorthin sollte meiner Meinung nach aus drei Komponenten bestehen. Zuerst sollte man planen. Ich muss verstehen, was ist es, das ich lernen will. Dann kann ich überlegen, was ich tun kann, um das Problem zu lösen. Der zweite Schritt ist dann Handeln. Ich muss Dinge ausprobieren, muss Kurse belegen und überlegen „Ist das das Richtige für mich?“. Und dann muss ich reflektieren. Ich muss den Schritt zurücktreten und überlegen, wie ich weitermache. Am allerwichtigsten ist allerdings das Wiederholen. Ich muss immer wieder planen, handeln, reflektieren. Je öfter ich das mache, desto schneller komme ich zu dem Lernergebnis, das ich haben will.

Ich glaube aber, dass viele Menschen bei dem Planungsschritt aufhören. Wir denken und denken und denken. Das ist natürlich ein wichtiger Schritt, aber wir dürfen dort nicht aufhören. Wir dürfen nicht vergessen, dass es okay ist zu scheitern, zu reflektieren und nochmal neu zu starten.

Wir dürfen nicht vergessen, dass es okay ist zu scheitern.

Stichwort Lernumgebungen: Wenn ich eine Sprache lerne, kann ich in das Land fahren, in dem die Sprache gesprochen wird. Aber wie mache ich das bei anderen Lerninhalten? Wie habt ihr bei CodeDoor eine Lernumgebung für das Thema Programmieren designt?

Analog zum Beispiel mit den Fremdsprachen findet man auf unserer Website einen Kurs mit dem Namen „Welcome to Coding Land“. Unser Ansatz ist es nicht, dass die Teilnehmenden jede Coding-Sprache perfekt lernen. Sondern es geht darum, die richtigen Ressourcen und praktischen Projekte zu finden, von denen man lernen kann. Unsere Lernenden bauen sich ihre Lernumgebung also selbst nach und nach auf. Die heutige Technologie ermöglicht es, individualisierte Lernumgebungen zu schaffen, sodass jeder auf die Art und Weise lernt, mit der er oder sie sich identifizieren kann. Entsprechend haben wir auf unserer Plattform keinen Content eingebaut. Stattdessen wählen die Lernenden aus einer Fülle frei zugänglicher Informationen. Wir wissen, dass jeder Lernende eine andere Art und Weise braucht, um zu lernen. Leider lehren wir derzeit in vielen Bildungseinrichtungen noch immer nach dem Prinzip „Die Lernenden müssen sich dem Content anpassen“. Wir glauben, dass es andersrum sein muss. Der Content kann sich mittlerweile an die Lernenden anpassen.

Der Content kann sich an die Lernenden anpassen.

Ist künstliche Intelligenz also der Schlüssel zur Zukunft des Lernens?

Wir haben uns viel mit „mastery based progression” beschäftigt, ein Konzept, das der Erziehungswissenschaftler Benjamin Bloom in den 80er-Jahren erforscht hat. Bloom sagt, dass Menschen die ein 1:1 Tutoring beim Lernen erhalten, um das Zweifache besser abschneiden, als die ohne Tutoring. Voraussetzung ist dabei die genaue Arbeitsanweisung für die Lernenden je nach Kenntnisstand. Also im Grunde genommen ein angepasster Einzelunterricht mit gezielten Aufgaben für die jeweilige Person. Das Problem in den 80ern war aber natürlich, dass ein solches Lernen mit den verfügbaren menschlichen Ressourcen einfach nicht möglich war. Wir glauben aber, dass es mit KI nun möglich ist. Wir können jedem einen KI-Tutor an die Hand geben, Fähigkeiten individuell analysieren und darauf basierend genau den Content bereitstellen, den die Person braucht. Das ist natürlich noch nicht 100% ausgereift, aber ich bin mir sicher, dass das die Zukunft ist.

Wie können wir diese Zukunft deiner Meinung nach erreichen?

Es ist unglaublich schwer, die zukünftige Entwicklung abzusehen. Besonders im schulischen Bildungssystem hat sich in den letzten 200 Jahren sehr wenig entwickelt. Wir lehren im Grunde genommen noch immer so, wie wir es zur industriellen Revolution getan haben. Die Bereitwilligkeit in Deutschland, Dinge im Bildungssystem zu verändern ist vereinzelt zwar hoch, aber nicht systematisch bzw. kohärent in der Umsetzung. Viele Lehrkräfte bemühen sich, auch Eltern und Schüler sind interessiert. Es scheitert aber meistens an einem einheitlichen Willen der vielen Entscheidungsträger. Vor allem gibt es eine große Vorsicht in Bezug auf künstliche Intelligenz. Klar, natürlich bringt künstliche Intelligenz Gefahren mit sich. Trotzdem könnte man sich etwas bei Ländern wie Finnland abschauen. Dort gibt es Phänomen-Unterricht, also Unterricht nicht mehr entlang von Fächern, sondern entlang von Phänomenen und Problemstellungen. Wegzugehen von Fächern wäre aus meiner Sicht der erste Schritt. Wenn ich zum Beispiel Sport und Mathe miteinander verbinde, dann kann der Mathematikunterricht viel mehr Sinnesorgane einbeziehen und entsprechend auch mehr Spaß machen. Wir denken im Bildungssystem in Silos und die Welt da draußen funktioniert nicht in Silos. Der zweite Schritt wäre dann natürlich, die Potenziale von KI zu nutzen. Digitaler Unterricht bedeutet allerdings nicht, dass wir unsere Lernmaterialien digitalisieren. Digitaler Unterricht bedeutet, dass wir die Art und Weise, wie wir lernen und lehren, verbessern. Es bringt nichts, das, was wir schon machen, einfach digital zu machen.

Wir lehren im Grunde noch immer so, wie wir es zur industriellen Revolution getan haben.

Ich glaube, auch hier gibt es einen Lernprozess. Auch unsere Bildungseinrichtungen müssen lernen – und das durch Erfahrung. Ich hoffe, dass es immer mehr Startups oder Organisationen geben wird, die etwas im Bereich KI-gestütztes Lernen anbieten. Dann können Bildungseinrichtungen sehen: Es geht auch anders.

In deinem Leben hast du schon viele Stationen hinter dir. Hat das Konzept? Kreierst du bewusst so etwas wie einen „Lebenslernpfad“?

Es ist unglaublich schwer, seinen eigenen Lebenslernpfad bewusst zu steuern. Ich habe mir schon oft gedacht „oh, das möchte ich unbedingt lernen“ und am Ende ist es dann ganz anders gekommen. Unser Startup zum Beispiel haben wir ursprünglich mit einer ganz anderen Ausrichtung gegründet und uns dann angepasst. Meine Strategie ist es, mich immer wieder in Lernumgebungen zu positionieren und entsprechend der neuen Erfahrungen meinen Weg zu verändern. Zum Beispiel habe ich ein paar Jahre für einen sozialen Inkubator gearbeitet. Alle meine Sinne waren also umgeben von Startups – mein Lernpfad hat mich so in die Gründung eines eigenen Startups geführt. Ich versuche immer, Lernumgebungen um mich herum zu schaffen und zu sehen, wohin sie mich führen. Wenn man sich darauf einlässt und der Lernsache mit einer gewissen Demut begegnet, dann kann man eine Kultur des Lernens entwickeln, die Dinge entstehen lässt, an die man zuvor noch gar nicht gedacht hat. Und auch das Scheitern ist wieder wichtig: Wenn man merkt, dass etwas nicht funktioniert, dann macht man eben etwas Anderes. Es geht darum, den Fokus eher auf den Prozess zu legen als auf den Outcome.

Verfasst von:

Nina Martin

Nina mag es Dinge anzusprechen, die zu kurz kommen, die neu sind, die alle betreffen. Das tut sie in unseren Transformations- und Innovationsprojekten und in unseren Print- und Onlineveröffentlichungen. Denn wenn sie etwas überhaupt nicht kann, dann ist es im Leben nur eine Sache zu machen. Mehr zu Nina auf ihrer Website.

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